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Erfahrungsberichte

Tabea auf La Réunion (Frankreich)

11/2022 – 03/2023 Praktikum als Schreinerin auf La Réunion

Es ist Anfang November. Ich steige im kühlen und grauen Paris in den Flieger. Elfeinhalb Flugstunden später schlägt mir die heiße, feuchte Tropenluft entgegen. La Réunion – französisches Überseedepartment im Indischen Ozean – heißt meine Destination für die kommenden 5 Monate. Mit meinen kaum vorhandenen Sprachkenntnissen komme ich erfolgreich durch die Passkontrolle und kann mir etwas zu Essen bestellen. Um aber bereit für den Arbeitsplatz zu sein, braucht es noch einen Intensivsprachkurs. Zwei Wochen lang besuche ich die einzige Französisch-Sprachschule der Insel.

Dann geht es los in der Werkstatt. Das herzliche Team nimmt mich super auf. Es gibt zwei Fertigungsbereiche – Massivholz und Plattenmaterialien. Der Werkstattleiter koordiniert die Arbeitsverteilung. Ich arbeite zunächst zwei Tage Seite an Seite mit einem Kollegen, um Abläufe und Maschinen kennenzulernen. Zur Überwindung der Sprachbarriere kommunizieren wir unterstützend über kleine Skizzen und ich führe ein Heftchen mit Fachvokabular. Der Großteil des Teams spricht kreol. Das macht das Französischlernen nicht gerade leichter. Aber die Offenheit und die Verständigungsbereitschaft sind groß – das hilft.

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Ab Tag drei erhalte ich eigene Projekte. Mein erstes Möbel ist ein Kleiderschrank mit Schiebetüren. Im oberen Fach wird die Klimaanlage hinter Lamellenklappen optisch ansprechend verdeckt. Generell wird hier viel in Rahmenbauweise mit Lamellen als Füllung hergestellt (Fensterläden, Türen). So wird man den hohen Temperaturen und dem Bedarf nach Luftzirkulation gerecht. Zum Einfräsen der Lamellen in den Rahmen nutzen wir eine halbautomatisierte stationäre Fräse, die ich in Deutschland so noch nicht gesehen habe.

Das verarbeitete Holz kommt hauptsächlich aus Westafrika. Auf der Insel selbst gibt es jede Menge unterschiedliche Baumarten, viele davon endemisch. Ihr Holz wird in dieser Vielfalt aber eher von Drechslern verwendet. In der Schreinerei kommen vorrangig Tamarin des Hauts und Cryptomeria zum Einsatz. Weitere spannende Projekte während meiner Zeit sind die Fertigung der Inneneinrichtung für den Nationalpark sowie der Betten für die Berghütte am Vulkan.

Ich merke schnell, dass die körperliche Arbeit bei tropischen Temperaturen und hoher Luftfeuchte deutlich stärker erschöpft, als ich es aus Deutschland gewohnt bin. Doch es gibt einen kleinen Bonus – die in Frankreich üblichen 35h sind in meinem Betrieb auf 4 Tage verteilt. So bleibt ausreichend Zeit für Erholung und Abenteuer. Denn um all die beeindruckenden Naturschauplätze zu sehen, kann man gar nicht lange genug auf der Insel sein. Ein äußerst aktiver Vulkan, abgelegene Talkessel, Gipfel bis über 3000m, Naturpools mit Wasserfällen und feine Sandstrände mit Lagunen, die zum Schnorcheln einladen.

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Mit der Zeit läuft es auch sprachlich immer besser, ich fühle mich mehr und mehr angekommen. Insgesamt begegne ich viel Gastfreundschaft und Herzlichkeit auf diesem kleinen Überseedepartment. Das friedliche Mit- und Nebeneinander unterschiedlichster Kulturen und Religionen ist beeindruckend und kann ein Vorbild für viele andere Teile der Welt sein. Die Lieblingsaktivität vieler Reunionesen ist das sonntägliche Picknick. Auf der Insel lassen sich unzählige Picknickplätze mit Pavillons, Tischen, Grills und Wasserspendern finden. Man verbringt den ganzen Tag mit Familie und Freunden, isst gut und spielt (bevorzugt Pétanque). Zum Start meines Praktikums wurde ich zum Picknick mit Kollegen und Familien eingeladen. Zum Ende meines Aufenthaltes konnte ich mich revanchieren.

Meine Zeit auf La Réunion ist eine Erfahrung, die ich zu 100% weiterempfehle. Der Schritt aus der Komfortzone, das Eintauchen in eine neue Kultur, das Aufbauen eines beruflichen Standings und eines sozialen Umfelds trotz sprachlicher Hürden und zu guter Letzt der Fremdsprachenerwerb selbst sind Erfahrungen, die meine persönliche und professionelle Entwicklung deutlich vorangebracht haben.

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